„Ist ja toll“, begeistert schaut Dampfwalze über die Schulter seinen Freund Andi an. Die großen Ferien waren vorüber und die beiden kurbelten gleichmäßig auf ihren Rennmaschinen hinauf zu Drei Tannen. Andi war in den Ferien mit seinen Eltern in Frankreich gewesen und hat es sich, als begnadeter Radrennfahrer, nicht nehmen lassen sich einen Teil der Tour de France in natura anzusehen. „Naja, es war halt nicht so interessant wie unsere Tour zum Giro“, schwelgte Andi in Erinnerungen und bog scharf in die Zugbrücke der Burg Schreckenstein ein.
Hier wohnten sie und gingen zur Schule, weil es in der alten Neustädter Schule zu eng geworden war. Während ihre Mitschüler mit dem Omnibus kamen zogen es die beiden Rennfahrer vor, auf ihren schnellen Rennrädern die 40 Kilometer zur Burg anzutreten. Sie stiegen ab, schoben ihre Räder über den leeren Burghof und stellten sie im Fahrradschuppen ab. Als sie wieder hinauskamen hörten sie Motorengeräusche und wenig später fuhren zwei Omnibusse voller Ritter vor.
Ritter, so nannten sich die Schüler, und so fühlten sie sich auch. Mochten die Neustädter Schüler auch lästern, so bewährte sich die Gemeinschaft und Ehrlichkeit sowohl unter Schülern, als auch den Lehrern gegenüber.
Der Burghof glich nun einem Rummelplatz. Die Ritter holten ihr Gepäck aus den Kofferräumen der Busse und schoben ab, über die Freitreppe in die Burg. Langsam kam wieder Leben in den Laden. Nach dem allgemeinen Aufräumen begab sich die Ritterschaft zum Abendessen in den Esssaal. Es gab Schuhsohlen mit Nadel und Faden, wie es im Rittermund hieß. Bürgerlich könnte man auch Spaghetti mit Rindfleisch und Karotten dazu sagen. Und die Ritterschaft langte erst einmal ordentlich zu.
Nach Ende der Mahlzeit läutete Direktor Meyer, kurz Rex, mit dem Silbernen Glöckchen die Schweigezeit ein. Schulkapitän Ottokar stand auf, ging ans schwarze Brett und schepperte mit der Kuhglocke. Dann sagte er an: „Gleich nach Tisch ist Schulversammlung im Wohnzimmer.“ Der Rex klingelte erneut und die Ritterschaft machte sich wortkarg, aber mit fragenden Gesichtern auf den Weg ins Wohnzimmer, einen großen Raum mit dem prachtvollen Kachelofen und dem Schreckensteiner Konzertflügel.
Die Ritter und Schreckensteiner Lehrer stellten sich im Halbkreis um den Ofen auf und warteten. Wenig später trat der Rex gefolgt von Ottokar ein. Ottokar schloss die Tür, der Rex stellte sich vor den Kachelofen und begann: „Ich habe diese Schulversammlung einberufen, weil etwas höchst unerfreuliches passiert ist. Während der Trimesterferien wurde auf Schloss Rosenfels eingebrochen. Fräulein Doktor Horn hat gerade angerufen.“ Hier machte der Rex eine kurze Pause. Mücke schaltete am schnellsten und nutzte diese Gelegenheit. Er sprach aus, was alle dachten: „Ist doch klar, für die Horn waren wir das wieder.“ Der Rex nickte leicht und fügte hinzu: „Das ist die bisher schwerste Beschuldigung uns gegenüber, darum ist äußerste Vorsicht gefragt. Ich lasse Euch in dieser Angelegenheit freie Hand. Bitte tut nichts Unüberlegtes. Das wär’s.“
Und keinen wunderte, als eine halbe Stunde später acht Gestalten die steile Treppe zur Folterkammer hinabstiegen. Ottokar, Stephan, Mücke, Dampfwalze, Andi, Hans-Jürgen, Dieter und Klaus bildeten den Ritterrat, der von Zeit zu Zeit hier tagte und nicht selten einen neuen Streich ausbrütete. Heute war die Stimmung angespannt. Ottokar, Stefan und Hans-Jürgen saßen in den steinernen Richtersesseln, Dampfwalze ruhte seine Kraftgebirge auf der Streckbank aus, Klaus lehnte an dem Bock mit den Daumenschrauben, Dieter kauerte auf einem Holzklotz vor dem Kamin. Mücke und Andi ließen die Beine vom Richtertisch baumeln.
„Also, wie machen wir’s?“, Mücke nahm die Brille ab und putzte sie mit dem Hemdzipfel. Hans Jürgen, der Dichter, zückte Notizblock und Bleistift, um alle Ideen sofort festzuhalten. Andi meinte: „Als erstes müssen wir rüber. Einen solchen Verdacht können wir nicht auf uns sitzen lassen.“ Stephan bremste: „Moment, wir müssen als erstes überlegen, was wir überhaupt machen wollen, und vor allem wie. Nach drüben müssen wir so oder so.“ Dampfwalze richtete sich mühsam auf und meinte: „Am besten Mücke, Hans-Jürgen und Strehlau fahren rüber und regeln das. Wir können ja schließlich nicht alle bei der Horn antanzen.“ Mücke entgegnete spitz: „Immer auf die Klugen.“
Ottokar lenkte das Gespräch wieder in sachlichere Bahnen: „Ich wär auch für Mücke, Hans-Jürgen und Strehlau. Stephan sollte vielleicht auch noch mit.“ Das vorrangige Handeln ging aber von Dieter aus: „Wir sollten heute Nacht unbedingt Wachen aufstellen. Nicht nur wegen der Hühner, sondern überhaupt.“ Stephan meldete sich zu Wort: „Wenn wir das Tor an der Zugbrücke schließen, brauchen wir nur die Seeseite zu bewachen.“ Ottokar stimmte seinem Freund zu: „Dann sind wir im Unterricht ausgeschlafener.“ Es schlug dreiviertel zehn. Dampfwalze gähnte wie ein Flusspferd. Kurz darauf schlug die schwere Tür zu.
Schlag zehn erloschen alle Lampen in der Burg. Fritz zog seinen Trainingsanzug an und schlich los, er hatte die erste Wache gezogen. Doch diese Nacht blieb ruhig.
Am nächsten Morgen ging Emil, diese Woche Wecker vom Dienst, mit dem Ruf „Aufstehen, Dauerlauf“ von Zimmer zu Zimmer. Kurz darauf trabte die gesamte Ritterschaft durch den Prinzengarten. Nach der kalten Dusche zog es die Ritter in den Esssaal. Während die Ritter sich die Mägen mit Haferflocken und Broten füllte erhob sich der Rex plötzlich und klingelte mit dem silbernen Glöckchen. Die Gespräche der Ritter verstummten und der Rex begann: „Ich will es kurz machen. Es gab einen weiteren Einbruch, diesmal in Wampoldsreute. Die Kasse des Gasthauses wurde entwendet. Ich nehme an das es sich nicht um eine ritterliche Tat handelt.“ Seine Augen schweiften den Saal ab, doch keine Hand erhob sich. „Gut. Ihr wisst alle wie Bürgermeister Kress zu uns und zu unserer Schule eingestellt ist. Für ihn kommen nur wir in Frage. Das bedeutet für uns: Erhöhte Wachsamkeit! Hierbei handelt es sich nicht um einen Spaß sondern um eine Straftat. Uns wird nun von zwei Seiten das Selbe unterstellt. Wir müssen mit der allergrößten Vorsicht arbeiten. Jeder der etwas über die Einbrüche weiß, oder der eine Idee hat, wie wir den schwarzen Peter loswerden könnten, der soll sich bitte bei mir in meinem Arbeitszimmer melden. Und jetzt beeilt Euch, in fünf Minuten fängt der Unterricht an.